Galerie Forum Amalienpark
Winterreise
Kunst und Klang

Zum Projekt »Winterreise« vom 24.11.2017 bis 20.1.2018 in der Galerie Forum Amalienpark wurden Künstler aus Berlin und Brandenburg eingeladen, sich mit dem Liederzyklus von Franz Schubert und Wilhelm Müller in neuen Werken auseinander zu setzen. Dazu soll ein ebenso engagiertes Begleitprogramm mit abendlichen Vorträgen, Gesprächen und Musik gehören.

Ziel unseres Projektes ist es, die Aktualität eines der populärsten Werke der Romantik in Kunstwerken, Konzerten, Vorträgen und Diskussionen zu erkunden und es für unsere Zeit neu zu entdecken. Vor dem Hintergrund der Flucht Tausender Menschen, besonders aus Syrien, erhält schon das erste Lied im Zyklus eine beklemmende Dimension: »Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus«.

Maler, Zeichner und Bildhauer beteiligen sich an unserer Ausstellung mit neuen, eigenen Werken. Die Zeitlosigkeit der »Winterreise« – Metaphern für Abschied, Scheitern, Verstörung, Erstarrung, Sinnsuche und die »Frage nach ihrer Überwindung im Medium Kunst« (H.R. Schwab 1987 zu Wilhelm Müller) führen zur unverändert großen Wirkung der »Winterreise« über Jahrhunderte und Kulturen hinweg. Sie macht es möglich, sowohl private als auch öffentliche Zustände von Politik und Gesellschaft in jeder Epoche bildkünstlerisch zu hinterfragen. Die 24 Lieder der »Winterreise« bieten dazu ein reiches Spektrum für Inspiration und Assoziation bei der Umsetzung von Wort-und Klangräumen in Farbe, Linie, Skulptur. Neben Grafikzyklen, Collagen, Zeichnungen und Malerei bis hin zu völlig abstrakter Gestaltung erwarten wir mit großem Interesse die Ergebnisse dieses Prozesses.

Künstler: Joachim Böttcher, Regina Conrad, Martin Enderlein, Ellen Fuhr,
Annette Gundermann, Ulrike Hogrebe, Kitty Kahane, Heidemarie Kasanowski,
Thomas K. Müller, Achim Niemann, Anton Schwarzbach, Christian Ulrich

Idee und Konzeption: Ellen Fuhr, Annette Gundermann, Dr. Gerhard Müller,
Dr. Simone Tippach-Schneider, Monika Wellershaus

Förderer:
Stiftung Preußische Seehandlung
Arbeitsgemeinschaft literarischer Gesellschaften und Gedenkstätten e.V.
Kooperationspartner:
Beirat Rathauskonzerte Pankow
Kantorei der Alten Pfarrkirche Pankow
Internationale Wilhelm-Müller-Gesellschaft e.V., Berlin
     

 

Konzerte

Winterreise »klassisch«

Schuberts Liederzyklus für Gesang und Klavier mit 24 Gedichten des deutschen Poeten Wilhelm Müller wird vorgetragen von dem international renommierten Bariton Tobias Berndt und seinem langjährigen Begleiter am Flügel Sebastian Kahnert.

Das Rathauskonzert Pankow ist der Auftakt für das Kunstprojekt »Winterreise«
der Galerie Forum Amalienpark.
Einführung: Dr. Simone Tippach-Schneider, Kulturwissenschaftlerin, Berlin

Veranstaltungsort: Rathaus Pankow
Datum: 20.11.2017, 19.30 Uhr
Eintritt: 9 € (Ermäßigung möglich)

Vernissage

Musikalische Begleitung mit dem Duo Müller & Lange, Cello und Akkordeon

Anne Müller, Violoncello und Silke Lange, Akkordeon, verwirklichen seit über zehn Jahren gemeinsam musikalische Projekte. Ihr aktuelles Konzertprogramm mit dem reizvollem Timbre ihrer Instrumente reicht von Werken des Barock bis hin zu Klezmer, Tango und Musette. Zur Vernissage stellen sie ihre Variationen zur Winterreise vor.
Einführung: Dr. Simone Tippach-Schneider, Kulturwissenschaftlerin, Berlin

Veranstaltungsort: Galerie Forum Amalienpark, Breite Straße 2a
Datum: 24.11.2017, 19.30 Uhr
Eintritt frei

Winterreise »grenzenlos«

Das anatolisch-deutsche Ensemble OLIVINN mischt europäische Klassik mit Elementen traditioneller türkischer Musik, mit zeitgenössischer Moderne, Rock und Jazz zu einzigartiger Klangkombination. Lieder von Franz Schubert mit der »Winterreise« stehen im Mittelpunkt ihres Konzertes. Die junge Pianistin und Komponistin Sinem Altan hat schon einige Auszeichnungen erhalten und verabschiedete mit ihrem Ensemble den scheidenden Bundespräsidenten Joachim Gauck im Schloss Bellevue.

Zum Ensemble OLIVINN gehören in der kleinen Besetzung vier Musikerinnen: Klavier, Gesang, Percussion und ein Spieler verschiedener traditioneller Instrumente.

Einführung: Monika Wellershaus, Journalistin
Veranstaltungsort: Pfarrkirche Berlin-Pankow, Breite Straße 37
Datum: 2.12.2017, 19.30 Uhr
Eintritt frei (Spenden erwünscht)


Ausstellung
vom 25.11.2017 bis 20.1.2018
Eröffnung am Freitag, 24.11.2017, 19.30 Uhr
Galerie Forum Amalienpark,
Breite Straße 2a, 13187 Berlin
(Galerieferien/geschlossen
vom 20.12.2017 bis 1.1.2018)

  • Konzerte
  • Vorträge und Gespräche
  • Abbildungen ansehen
  • Rundgang durch die Ausstellung
  • Fotos von den Veranstaltungen
  • Einladung/Programm-Flyer
  • Materialien für die Presse


  • Das geplante Begleitprogramm können wir trotz teilweiser Unterstützung durch Förderer oder Kooperationspartner nicht aus eigener Kraft finanzieren. Sie können uns helfen, schon mit einer Spende von nur 5 Euro!
    Bitte überweisen Sie oder nutzen Sie unsere Spendenbox in der Galerie. Ab 20 Euro wird für den Beitrag eine Spendenquittung ausgestellt.

    Wir danken Ihnen von Herzen
    in Verbundenheit.

    Überweisungen an: Commerzbank Berlin II
    IBAN:
    DE22 1208 0000 4090 9671 00
    Kennwort: Winterreise



    Winterreise »klassich«


    Silke Lange und Anne Müller

    Winterreise »grenzenlos«
    Ensemble OLIVINN
     

    Vorträge und Gespräche

    »Gegen Wind und Wetter«

    Franz Schubert, Wilhelm Müller und die Nachwelt – Wort, Musik und Sinn im Liederzyklus »Winterreise«

    Seit fast zweihundert Jahren berührt die Winterreise bis heute und immer wieder sehr viele Menschen. Lässt sich dieser Zauber entschlüsseln?
    Die »Winterreise« steht nicht nur im Zentrum von Schuberts Lied-Schaffen, sondern gilt auch als das Werk, das in Wort und Musik bis in die Gegenwart seine Bedeutung behalten hat und mit seinen existenziellen Fragen das heutige Publikum anspricht.
    Mit der Aktualität der »Winterreise« befasst sich Dr. Gerhard Müller, Kulturredakteur, Musik- und Theaterkritiker und ehemaliger leitender Dramaturg der Komischen Oper Berlin.

    Die Veranstaltung wird von Toneinspielungen begleitet.
    Referent: Dr. Gerhard Müller
    Veranstaltungsort: Galerie Forum Amalienpark
    Datum: 1.12.2017, 19.00 Uhr
    Eintritt: 3€

    »Willst du zu meinen Liedern deine Leier drehn?«

    Moderne Neuvertonungen der Winterreise
    von Reiner Bredemeyer, Hans Zender u.a.

    Die Gedichte von Wilhelm Müller haben auch Komponisten unserer Zeit jenseits von Schubert zu neuartigen Vertonungen angeregt – mit überraschenden Ergebnissen.
    Der Musikwissenschaftler und langjährige Intendant des Konzerthauses Berlin Prof. Dr. Frank Schneider gestaltet diesen Abend.

    Die Veranstaltung wird von Toneinspielungen begleitet.
    Referent: Prof. Dr. Frank Schneider
    Veranstaltungsort: Galerie Forum Amalienpark
    Datum: 8.12.2017, 19.00 Uhr
    Eintritt: 3€

    »Fremd bin ich eingezogen«

    Schuberts Winterreise als Metapher existenzieller Bedrohung
    aus psychologischer Sicht

    Aus dem Spannungsfeld zwischen Individuum und Gesellschaft mit ihren divergierenden Bedürfnissen und Ansprüchen ergeben sich immer wieder Konflikte für beide Seiten, mit deren Lösungen Politik, Philosophie und Psychologie befasst sind. Kunst und Literatur spiegeln sensibel diese Vorgänge. Unterwegs sein und nicht ankommen betrifft nicht nur die vielen Flüchtlinge in Europa, sondern auch oft den einzelnen Bürger hierzulande auf der Suche nach Sinnerfüllung und Sicherheit in einer unüberschaubaren Welt.

    Jürgen Liebing, Autor und Moderator bei Deutschlandradio für die Sendereihen »Fazit – Kultur vom Tage«, »Zwischentöne« und »Interpretationen« u.a. zu Schuberts Winterreise moderiert diesen Abend.

    Gesprächsteilnehmer sind Annette Simon, Psychotherapeutin und Autorin u. a. von »Fremd im eigenen Land?« und Kathrin Schmidt, Psychologin und Autorin, u.a. des autobiographisch gefärbten Romans »Du stirbst nicht«, Inhaberin verschiedener Preise und Arbeitsstipendien

    Referent: Jürgen Liebing
    Gäste: Annette Simon, Kathrin Schmidt
    Veranstaltungsort: Galerie Forum Amalienpark
    Datum: 15.12.2017, 19 Uhr
    Eintritt: 3€

     

     

    1.12.2017: Dr. Gerhard Müller

    »Eine Straße muss ich gehen«

    Franz Schubert und John Lennon. Die Wiederentdeckung des Kunstliedes
    zwischen 1960-1970 in der Beat-und Rockmusik.

    Dieser ungewöhnliche Vergleich zwischen dem Wiener Klassiker Schubert und dem Londoner Klassiker Lennon weit über 100 Jahre später beruht auf der profunden Kenntnis des Liedschaffens großer Meister verschiedener Jahrhunderte.
    Ausgangspunkt für diesen Abend bilden die individuellen Überlegungen und Ansätze von Ingolf Haedicke, dem ehemaligen Leiter der Phonothek des Musikwissenschaftlichen Instituts der Humboldt Universität Berlin.

    Die Veranstaltung wird von Ton-, Text- und Filmeinspielungen begleitet.
    Referent: Ingolf Haedicke
    Veranstaltungsort: Galerie Forum Amalienpark
    Datum: 19.12.2017, 19 Uhr
    Eintritt: 3 €



    John Lennon

    »Ich bin zu Ende mit meinen Träumen«

    Wilhelm Müller – der Dichter der Winterreise

    Wilhelm Müller und seine Wirkung in der deutschen Literatur wurde oft unterschätzt. Als Zeitgenosse Schuberts war er als Dichter und kritischer Betrachter der Verhältnisse jedoch begehrt und sein Gedichtzyklus »Winterreise« wurde für Schubert zur entscheidenden Inspiration für seine Vertonung.

    Marco Hillemann, Literaturwissenschaftler und Vorsitzender der Internationalen Wilhelm-Müller-Gesellschaft, Berlin stellt den Dichter Wilhelm Müller vor.

    Begleitet wird die Veranstaltung mit einer Lesung von Müller-Texten durch die Schauspielerin Carmen Maja Antoni. Neben ihrer Bühnentätigkeit arbeitete
    Carmen Maja Antoni als Film- und Fernsehschauspielerin.

    Referent: Marco Hillemann
    Lesung: Carmen Maja Antoni
    Veranstaltungsort: Galerie Forum Amalienpark
    Datum: 5.1.2018, 19.00 Uhr
    Eintritt 8 €, ermäßigt 4 €

    »Fremd zieh ich wieder aus«

    Arabische Moderne trifft deutsche Romantik:
    Yamen Hussein – ein Dichter aus Syrien

    In seinem jüngsten Lyrikband »3439 Kilometer« verarbeitet Y. Hussein seine Flucht aus Syrien über den Libanon und die Türkei nach Deutschland. Seit 2014 lebt er als PEN-Stipendiat des Writers-in-Exile-Programms in München.

    In der bitteren Wanderschaft eines Vertriebenen im Winterreise-Zyklus fand Yamen Hussein sein Schicksal wieder, aber auch Melos, Rhythmik und Ästhetik der Lieder entsprechen seinem innigen Gefühl für Sprache und Musik. 1984 in Homs geboren, verfasste er als Journalist zahlreiche Artikel gegen das Assad-Regime und gegen religiösen Fundamentalismus. So geriet er in die Zange zwischen staatlicher und islamistischer Gewalt bis hin zu Morddrohungen, die ihn zur Flucht zwangen.

    Yamen Hussein wird an diesem Abend über sein Leben, sein literarisches Schaffen, seine persönliche »Winterreise« und von den Bedingungen für ein freies Leben als Dichter und Publizist berichten.

    Tobias Roth, Lyriker und Literaturwissenschaftler, 2. Vorsitzender der Internationalen Wilhelm-Müller-Gesellschaft, Berlin moderiert den Abend im Gespräch mit Y. Hussein und dem Publikum. Der Schauspieler Jens Uwe Bogadtke liest Gedichte von Y. Hussein aus der PEN Anthologie »Zuflucht In Deutschland. Texte verfolgter Autoren«.

    weitere Informationen: Pen-Zentrum, www.pen-deutschland.de
    Der Tagesspiegel, www.tagesspiegel.de/berlin

    Lesung: Jens-Uwe Bogadtke
    Gast: Yamen Hussein
    Referent: Tobias Roth
    Veranstaltungsort: Galerie Forum Amalienpark
    Datum: 12.1.2018, 19 Uhr
    Eintritt 8 €, ermäßigt 4 €

    »Bin gewohnt das Irregehen«

    Inspirationen durch Musik

    Künstler über ihre Werke zur Winterreise – Das Galeriegespräch
    mit den ausstellenden Künstlern und dem Publikum
    wird von Dr. Simone Tippach-Schneider zur Finissage moderiert.

    Veranstaltungsort: Galerie Forum Amalienpark
    Datum: 19.1.2017, 19.00 Uhr
    Eintritt frei

     



    Lesung mit Carmen Maja Antoni

    Die Künstler

     

    Joachim Böttcher

    Als Jugendlicher habe ich Schuberts Unvollendete und die Große Sinfonie in C-Dur wieder und wieder gehört, später die Trios, Quartette und Quintette. Seine Lieder sind bis heute für mich ein Höhepunkt des Musikerlebens. Aber es ist eine so private Empfindung, dass ich sie nicht in Worte fassen kann und möchte. Ich hoffe, dass sich etwas von meinem Erleben, der Schönheit, Zeitlosigkeit und Gefühlstiefe der Schubertschen Kompositionen in meinen Arbeiten findet.
    Joachim Böttcher, November 2017



    Regina Conrad

    Winterreise,
    unzählige Male zieht der Bleistift über das weiße Blatt Papier.
    Unzählige Male wird die Wanderung ausradiert und es geht weiter,
    immer weiter.
    Zeichnungen, etwas Farbe für die Leinwand und diese wunderbare Musik.
    Regina Conrad, 21.Oktober 2017



    Martin Enderlein

    Ausgang für mich waren Schubert, sein künstlerisches Werden, sein Umfeld und Künstlerkollegen. Einblicke gewähren Förderer, Freunde, Dichter und Maler. Die Auseinandersetzung mit der Malerei der Romantik und Bildfindungen aus der Zeit waren für meine Arbeit wichtig für einen Zugang zur »Winterreise«. Der Winter als existenzielle Erfahrung, die Vorahnung von Alter und Tod. Es folgen Lieder über Liebe und Enttäuschung, Sehnsüchte, Abschied und Vergänglichkeit.
    Martin Enderlein, November 2017




    Ellen Fuhr

    Im Labyrinth der Städte liegt der Fluchtpunkt in perspektivischer Ferne. Das Uhrpendel schwingt und die Zeit läuft unvermeidlich in eine Richtung. Die Schicksalsfragen nach der Zeit und nach dem Tod, nach dem Spiel von Zufall und Chaos sind immer dieselben geblieben, sind die, die Gauguin vor mehr als hundert Jahren in die linke obere Ecke eines Bildes schrieb: "Woher kommen wir, was sind wir, wohin gehen wir?"
    Ellen Fuhr, aus "Pole und Pendel", Berlin 2001




    Annette Gundermann

    Die Winterreise ist für mich Ausdruck einer unendlichen Suchbewegung,
    die alle Elemente von Traurigkeit, Abschied und Sehnsucht an sich bindet.
    Das ist der große Reiz für mich, auch das Rätselhafte.
    Annette Gundermann, November 2017

    Ulrike Hogrebe

    Die Winterreise gilt als Sinnbild für Heimatlosigkeit, - der Mensch aufbegehrend zwischen Aufruhr, Zuversicht, Hoffnung und Resignation. Ich habe versucht in kleinformatigen Formaten das Thema zu erarbeiten, in einer Bandbreite zwischen Realismus und Abstraktion bishin zu einer fast piktogrammartigen Auseinandersetzung mit dem Thema.
    Ulrike Hogrebe, 2017

    Kitty Kahane

    »Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus«.
    Diese beiden Zeilen von Wilhelm Müller haben mich die letzte Zeit über stark beschäftigt. Mein Leben zog an mir vorbei, meine Kindheit und Jugend in der DDR, die Zerrissenheit zu meinen Eltern und das späte Verwandeln in Liebe und Achtsamkeit. Die schmerzliche Erkenntnis und Wahrnehmung von Geschichte, auf der Suche nach Vollendung meine Liebe zu verspielen, der Tod meines geliebten Bruders, mein Fernweh, die Sehnsucht und Neugier nach Fremde, das begleitende Gefühl von Einsamkeit, Sehnsucht nach Heimat. Die Leidenschaft am Wandern, das Gefühl der Freiheit.
    Kitty Kahane, November 2017



    Heidemarie Kasanowski

    Dem Zyklischen des Liederkreises ist Wiederholung und Wechsel eigen. Ein tröstlicher Gedanke: Es geht weiter. Eine Variante von Hans Eckardt Wenzel: »Fremd zieh ich ein, fremd zieh ich aus, / ich weiß nicht, was ich tu. / Heut Nacht verwelkt ist mein Zuhaus / und du, du lachst dazu.«
    Fragmente von Zaunteilen aus Holz bilden übereinandergeschichtet den Sockel eines Wegweisers, der in alle möglichen Richtungen zeigt. Versehen mit Skizzen, Gegenständen, Fotos zeigt die kleine Installation ein Bild meines Zugangs zu dem assoziationsreichen zeitlosen Werk von Müller und Schubert.
    Heidemarie Kasanowski, 2017


    Thomas K. Müller

    ...natürlich die Musik und die »Winterreise« sowieso, speziell die Reduzierung, die Eindringlichkeit des Klaviers im »Leiermann«, unbeschreiblich, aber auch Udo Samel muss ich danken, er war es, in der Rolle des Franz Schubert in dem Fritz Lehner Film »Mit meinen heißen Tränen« der mir die Person sehr ,sehr nah gebracht hat, vor allem auch mit seinem Gesang.
    Thomas K. Müller, November 2017

    Achim Niemann

    Als 16-Jähriger hörte ich die »Winterreise« von Franz Schubert bei einem Konzert in der Aula meiner EOS in Staßfurt und war ergriffen. Mag es damals romantische Verzückung eines Jugendlichen gewesen sein, so ist mir das Romantisieren erhalten geblieben und hat mir neue Räume von Wahrnehmung in meiner künstlerischen Arbeit eröffnet. Ich finde mich wieder in Novalis, übrigens ein Landsmann aus dem Saaletal, der da schrieb: Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich. Und mit Ludwig Tieck endend: »Wir sollten es nur einmal versuchen, uns das Gewöhnliche fremd zu machen, und wir würden darüber erstaunen, wie nahe uns so manche Belehrung, so manche Ergötzung liegt, die wir in weiten, mühsamen Fernen suchen. Das wunderbare Utopien liegt oft dicht vor unseren Füßen, aber wir sehn mit mit unsern Teleskopen darüber hinweg«.
    Joachim Niemann, November 2017




    Anton Schwarzbach

    Ich war schon früher vom pubertären Pathos und dem Negativ-Verve der Winterreise begeistert – sie liebt mich nicht; die Welt ist grau und tot.
    »Ich muß selbst den Weg mir weisen/ In dieser Dunkelheit.« (W.M.)
    Bei der jetzigen Wiederannäherung wünschte ich mir mehrfach ein Aufbegehren.
    Die Kraftlosigkeit, weit entfernt von einem neu oder anders, hat dennoch für mich die eigentliche (pubertäre) Endzeit-Wucht.
    Anton Schwarzbach, November 2017

    Christian Ulrich

    Seltsame Musik
    Ich will dem Flügel
    Einen Ton einschenken
    Einen schwarzen Ton
    Wie auf den dunklen Fotos von Zownir
    Und dann reiße ich den Deckel herunter
    Und sperre ihn ein
    Und lege mich als Gewicht obenauf
    Das Sarginstrument
    Bis die Dunkelheit aus allen Ritzen kriecht
    Wie das CO2 aus der kaputten Heizung
    Ich will meine Finger in ein Fangeisen stecken
    Ich will eine Woche im kalten Bunker sitzen
    Und dann singen
    Ich will ein Boot in einen Käfig sperren
    Ich will der Harfe die Saiten ausreißen
    Ich will der Bewegung der Hand nachgehen
    Über das Geländer, über das Geländer hinweg
    Christian Ulrich, Mai 2017



    Hintergrundinformation

    Winterreise op. 89, D 911
    ist ein Liederzyklus, bestehend aus 24 Liedern für Singstimme und Klavier, den Franz Schubert
    im Herbst 1827, ein Jahr vor seinem Tod, komponierte. Am bekanntesten davon wurde Der Lindenbaum.
    Der vollständige Titel des Zyklus lautet: Winterreise. Ein Cyclus von Liedern von Wilhelm Müller.
    Für eine Singstimme mit Begleitung des Pianoforte komponiert von Franz Schubert. Op. 89.
    Erste Abtheilung (Lied I–XII). Februar 1827. Zweite Abtheilung (Lied XIII–XXIV). October 1827.

    siehe: Wikipedia

    Wilhelm Müller

    (1794-1827)
    Winterreise
    I
    Gute Nacht

    Fremd bin ich eingezogen,
    Fremd zieh ich wieder aus.
    Der Mai war mir gewogen
    Mit manchem Blumenstrauß.
    Das Mädchen sprach von Liebe,
    Die Mutter gar von Eh' –
    Nun ist die Welt so trübe,
    Der Weg gehüllt in Schnee.

    Ich kann zu meiner Reisen
    Nicht wählen mit der Zeit:
    Muß selbst den Weg mir weisen
    In dieser Dunkelheit.
    Es zieht ein Mondenschatten
    Als mein Gefährte mit,
    Und auf den weißen Matten
    Such ich des Wildes Tritt.

    Was soll ich länger weilen,
    Daß man mich trieb' hinaus?
    Laß irre Hunde heulen
    Vor ihres Herren Haus!
    Die Liebe liebt das Wandern,
    Gott hat sie so gemacht –
    Von einem zu dem andern –
    Fein Liebchen, gute Nacht!
    Will dich im Traum nicht stören,
    Wär' schad' um deine Ruh',
    Sollst meinen Tritt nicht hören –
    Sacht, sacht die Türe zu!
    Ich schreibe nur im Gehen
    An's Tor dir gute Nacht,
    Damit du mögest sehen,
    Ich hab' an dich gedacht.

    V
    Der Lindenbaum

    Am Brunnen vor dem Thore,
    Da steht ein Lindenbaum:
    Ich träumt' in seinem Schatten
    So manchen süßen Traum.

    Ich schnitt in seine Rinde
    So manches liebe Wort;
    Es zog in Freud' und Leide
    Zu ihm mich immer fort.

    Ich mußt' auch heute wandern
    Vorbei in tiefer Nacht,
    Da hab' ich noch im Dunkel
    Die Augen zugemacht.

    Und seine Zweige rauschten,
    Als riefen sie mir zu:
    Komm her zu mir, Geselle,
    Hier findst du deine Ruh'!

    Die kalten Winde bliesen
    Mir grad' in's Angesicht,
    Der Hut flog mir vom Kopfe,
    Ich wendete mich nicht.

    Nun bin ich manche Stunde
    Entfernt von jenem Ort,
    Und immer hör' ich's rauschen:
    Du fändest Ruhe dort!

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