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Subjekt – Objekt
Carlfriedrich Claus, Ingrid Bahß, Frank Diersch, Martin Disler, Michael Kutzner,
Walter Libuda, Hans-Joachim Schulze, Alexander Sgonina, Christian Ulrich

Ausstellung 19. September bis 24. Oktober 2020

Ver­nis­sa­ge
Frei­tag 18. Sep­tem­ber 2020, 19:30 Uhr*

»Demnach hat man zwischen zwei konvergierenden (…) Tendenzen in der Neuzeit zu unterscheiden. Die eine Tendenz baut schrittweise den Glauben an die Solidität der Dingwelt ab, die andere den Glauben an die Solidität des Subjekts in dieser Dingwelt, und diese beiden Tendenzen beginnen gegenwärtig aufeinander zu stoßen«

Vilém Flus­ser (Vom Sub­jekt zum Pro­jekt, Mensch­wer­dung)

»Subjekt/​Objekt« bezeich­net zum einen ganz direkt die Bezie­hung Künst­ler und Werk, die in der Rezep­ti­on wäh­rend der Aus­stel­lungs­si­tua­ti­on ent­kop­pelt wird, um zur Rela­ti­on von Betrach­ter und Kunst­ob­jekt zu wer­den.
Des Wei­te­ren ver­weist das Begriffs­paar auf ein grund­le­gen­des The­ma der Erkennt­nis­theo­rie, die bis in die jüngs­te Gegen­wart auch unter Ein­schluss natur­wis­sen­schaft­li­cher For­schun­gen, unter­schied­li­che Model­le die­ser Bezie­hung ent­wirft.
Zur Aus­stel­lung sind Maler, Bild­hau­er und eine Foto­gra­fin mit ihren Arbei­ten, ihren Objek­ten ein­ge­la­den.
Neben künst­le­ri­schen Äuße­run­gen, die an der Schwel­le von Zeich­nung und Phi­lo­so­phie arbei­ten, Male­rei und Objekt bis hin zu einer Bild­haue­rei, die das Exem­pla­ri­sche, Ein­zel­ste­hen­de der mensch­li­chen Exis­tenz und somit das, auch in Fra­ge ste­hen­de, Sub­jek­ti­ve über Maß­stab und Mes­sung abbil­det und bild­haft macht, wird das zunächst offe­ne The­ma näher bestimmt.

*Für alle Besucher*innen gel­ten die aktu­el­len Bestim­mun­gen zur Coro­na-Epi­de­mie.
Dazu gehört das Tra­gen einer Mund- und Nasen­be­de­ckung, das Ein­hal­ten der Abstands­re­geln und die Begren­zung der Besu­cher­zahl.
Außer­dem gibt es die Mög­lich­keit sich bei der Eröff­nung im Hof­be­reich der Gale­rie auf­zu­hal­ten.

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Foto Bild rhythm blue
Walter Libuda, »Ich und Er«, 2015, Ausschnitt

Ausstellung im Kabinett [2]
Hans Vent.
Landschaften Räume

Landschaften
Räume

5. Sep­tem­ber 2020 bis 24. Okto­ber 2020

Kura­tiert von Clau­de Keisch

Als Hans Vent (1934−2018) in spä­ten Tagen erklär­te, Land­schaf­ten »kön­ne er nicht«, er »habe eine male­ri­sche Form dafür nicht gefun­den«, waren ihm die über­lie­fer­ten Motiv­gat­tun­gen längst pro­ble­ma­tisch gewor­den. Sei­ne Werk­ent­wick­lung hat­te ihn
weit ent­fernt von der ein­drucks­vol­len Rei­he far­bi­ger und schwarz­wei­ßer Land­schaf­ten der sech­zi­ger und sieb­zi­ger Jah­re: begin­nend etwa mit Dorf­win­keln von
kris­tal­li­nisch fes­ter Struk­tur, fort­ge­setzt mit Wald- und Strand­si­tua­tio­nen, die sich in zer­streut schwin­gen­dem Licht und sprü­hen­der Far­be auf­lö­sen. Die Figu­ren und
Grup­pen, Jäger und Baden­de, mit denen die­se Sze­ne­rien ange­rei­chert wer­den, über­neh­men es mehr und mehr, den Raum zu struk­tu­rie­ren, und je nah­sich­ti­ger
die Kom­po­si­tio­nen wer­den, je mehr sich im Spät­werk Far­be und expres­si­ver Farb­fluß von der Bin­dung an den Gegen­stand befrei­en, des­to mehr geht die gewohn­te
Vor­stel­lung von »Land­schaft« in der Mög­lich­keits­form einer abs­trak­ten Raum­of­fen­heit auf.

Clau­de Keisch, Sep­tem­ber 2020

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Vent Köpfe
Hans Vent, o. T. 1977
Aquarell und Kohle (Collage), 29,5 x 41,5 cm

Rede zur Eröff­nung der Aus­stel­lung

Lie­be Freun­de der Gale­rie Ama­li­en­park,
als ers­tes soll Dank gesagt wer­den, sehr von Her­zen, an die Caje­witz-Stif­tung als der Mut­ter der Hans Vent Stif­tung; und an die Künst­ler des Ama­lien-Ver­eins, die so ent­schlos­sen beim Auf­bau mit­ge­wirkt haben. Kunst macht nicht nur, wie man weiß, »viel Arbeit«, sie belohnt sie auch: Und so war es, wie vor einem Vier­tel­jahr mit Simo­ne Tip­pach-Schnei­der und Mar­tin End­er­lein, so dies­mal mit Liz Kra­toch­wil, Mar­tin und – nach dem letz­ten Moment ret­tend – Chris­ti­an Ulrich. Mit allen drei­en ging es weit über tech­ni­sche Tat hin­aus auch um hoch­will­kom­me­nen Rat – eine rei­ne Freu­de. Dafür mei­nen Dank und mei­nen Gruß!.

Und nun eini­ge Anmer­kun­gen ange­sichts die­ser dies­mal – im Unter­schied zur ers­ten Kabi­nett­aus­stel­lung – sehr unter­schied­li­chen Bil­der. Es geht nicht um »Land­schafts­dar­stel­lung«, wie man sie kennt und erwar­tet, es geht um Raum­vor­stel­lun­gen und wie Vents Male­rei sich zu ihnen ver­hält. Die hier ver­sam­mel­ten Arbei­ten mar­kie­ren künst­le­ri­sche Sta­tio­nen, die sich über mehr als ein hal­bes Jahr­hun­dert ver­tei­len, und schon auf den ers­ten Blick zeigt sich ein fun­da­men­ta­ler Wan­del.

Denn sagen Sie selbst: läßt das, was als Auf­takt auf die­ser Wand auf­ge­reiht ist, las­sen die Arbei­ten des Sieben‑, Acht, Neun­und­zwan­zig­jäh­ri­gen das Unge­stüm der spä­te­ren Far­ben­phan­ta­sien erwar­ten? Häu­ser, zuerst mit ganz kla­ren Flä­chen, bis ins Detail nach Plan kom­po­niert, anfangs sogar kon­stru­iert im Sin­ne Kurt Rob­bels, der damals an der Hoch­schu­le Wei­ßen­see lehr­te. Aber schon in der noch sehr regel­ge­rech­ten rosa-grau­en Ucker­mär­ki­schen Dorf­land­schaft mit dem gespie­gel­ten Gie­bel mel­det sich ein leben­di­ges Sach­in­ter­es­se: der Blick folgt der schräg anstei­gen­den Dorf­stra­ße bis in den Hin­ter­grund, und das Gebäu­de links iden­ti­fi­ziert sich allein durch die kur­ze Rei­he kreuz­för­mi­ger Öff­nun­gen als ein, und zwar back­stei­ner­ner!, Spei­cher. Die Karg­heit der Mit­tel besaß in jenen Jah­ren eine ethi­sche Dimen­si­on.
Aber die Herr­schaft der gera­den Lini­en und der Kuben, die abs­trak­te Licht­ge­bung, sie wer­den abge­löst durch ein dich­tes Feder­ge­krit­zel, ein­ge­ne­belt in einer schwer defi­nier­ba­ren Mischung von Was­ser­far­be und Gra­phit­staub. Man muß nur die Gie­bel mit­ein­an­der ver­glei­chen: auf den wenig jün­ge­ren Blät­tern wird ihr Umriß wei­cher, mür­ber, der Raum wird ver­schat­tet, die Moti­ve erhal­ten unter­schied­li­ches Gewicht und Prä­senz. Zwei die­ser Kom­po­si­tio­nen zei­gen die­sel­be umzäun­te Häu­ser­grup­pe, man erkennt den­sel­ben Hügel links, die auf­fal­len­den drei Bäu­me – im Abstand von ein, zwei Jah­ren zwei­mal vari­iert, sicher­lich im fer­nen Ate­lier nach einer Skiz­ze, die der Phan­ta­sie ihre Frei­heit ließ. Dabei ver­stärkt der zwei­te, beherz­te­re Zugriff die Raum­tie­fe, den Kon­trast von Nah und Fern, die Staf­fe­lung der Moti­ve. Dabei neigt sich und schwankt unmerk­lich alles. Sei­ner Form siche­rer gewor­den, läßt sich der Zeich­ner unbe­fan­gen auch auf das Erzäh­len ein: klo­bi­ge Stri­che »erzäh­len« die ange­lehn­te Lei­ter, sie erzäh­len den aus den Angeln fal­len­den Fens­ter­la­den. (Das­sel­be Motiv ist auf der älte­ren Zeich­nung vor­ge­prägt, aber ver­zagt vor­ge­tra­gen, so daß er anek­do­tisch bleibt). Und der tie­fe Schat­ten, der alles ein­hüllt und hin­ter den Baum­stäm­men undurch­dring­lich wird, schenkt dem Dorf­mo­tiv eine zeit­lo­se Hin­ter­grün­dig­keit – im Dop­pel­sinn des Wor­tes – , die um die­sel­be Zeit ähn­lich bei dem Alters­ge­nos­sen Horst Sagert bemerk­bar ist.

Weni­ge Jah­re dar­auf: die Far­be! Die Maler die­ser Genera­ti­on in Ber­lin, in Dres­den träum­ten vom Vor­bild der fran­zö­si­schen Impres­sio­nis­ten, von Cézan­ne vor allem. Für sie hieß Land­schaft zu aller­erst Licht, Far­be und bei­der Wech­sel­ver­hält­nis. In die­ser Rich­tung erreicht Hans Vent schon um die Mit­te der Sech­zi­ger­jah­re Erstaun­li­ches.

Ein Blatt von 1968 bie­tet ein Schlacht­feld der Far­be: wild Hin­ge­feg­tes, Gewisch­tes, Gekratz­tes – ein Cha­os, das sich dem Blick bald als ein anstei­gen­des Feld unter bedroh­li­chem Him­mel erweist; und wer sich nicht zu früh abge­wen­det hat, ent­deckt, über­rascht, unten, wie ein Ton aus ande­rem Regis­ter, wie eine Pik­ko­lo­flö­te mit­ten im Sturm der Bäs­se, das fei­ne Gestri­chel par­al­le­ler Lini­en von roter, vio­let­ter, grü­ner, gel­ber Far­be, das sich still und unbe­küm­mert durch das schlän­gelt, was man wohl den Vor­der­grund nen­nen darf.

Die­ses Voka­bu­lar ist in einer Rei­he meis­ter­li­cher Tem­pe­ra­bil­der in den Sech­zi­ger­jah­ren ent­wi­ckelt wor­den, von denen hier zwei aus­ge­stellt sind: als ein Gewirk aus leuch­tend far­bi­gen Par­al­lel­li­ni­en, Schrä­gen, Kur­ven und Krin­geln, Schlan­gen­li­ni­en, stri­ch­ar­tig fein oder breit­pin­se­lig naß auf­ge­tra­gen und stel­len­wei­se sogar aus­ge­wa­schen. Ein rei­ches Voka­bu­lar, ja, aber, um im Bild zu blei­ben, auch eine Gram­ma­tik und eine Syn­tax, eine ver­deut­li­chen­de Inter­punk­ti­on wie in dem Bild der skur­ri­len, erstaun­lich all­tags­na­hen Jäger neben ihrer Beu­te, oder ein frei­es Asso­zi­ie­ren von Halb­sät­zen wie in dem Ern­tebild, das eine Gestalt halb preis­gibt, wäh­rend eine zwei­te sich nur durch die Form eines Hutes andeu­tend mel­det – in hoch­som­mer­li­chem Gold erstrah­lend, im Unter­schied zum rot­grü­nen Halb­schat­ten des Nach­bar­blat­tes. Das ist Vents eigen­wil­li­ge Inter­pre­ta­ti­on jenes Gedan­kens der Zer­le­gung des Lichts in rei­ne Far­ben, wie sie, jeder anders, Seu­rat, van Gogh, Ensor, Segan­ti­ni erprobt haben.

Auf der Ein­la­dung zu die­sem Abend haben Sie schon eine Col­la­ge gese­hen, die Vents Land­schafts­pro­gramm ein­präg­sam for­mu­liert. 1977 hat er zwei Blät­ter zusam­men­ge­führt, ein Aqua­rell und eine Koh­le­zeich­nung, rei­ne Land­schaft und Akt, und dabei für einen Über­gang gesorgt: die Bei­ne der Figur gehen über in die Schrä­ge eines Hügels. Vents voll­kom­me­ne Kennt­nis der nack­ten Figur – dank zahl­lo­ser Modell­stu­di­en und noch mehr dank ihrer Beob­ach­tung in frei­er Bewe­gung – hat den Rol­len­wech­sel mög­lich gemacht. So wird die alt­ver­trau­te greif­ba­re Moti­vik der Land­schaft, wer­den die Bäu­me, die Wol­ken, alles, was über Nähe und Fer­ne und Stim­mung Aus­kunft gibt, ersetz­bar durch Figu­ren und Grup­pen in hun­dert­fach wech­seln­den Anord­nun­gen, durch Kör­per, die Raum und Licht nicht ver­drän­gen, son­dern auf­neh­men in einer ent­grenz­ten Welt, die nur die Male­rei mög­lich macht.

Es sind typi­scher­wei­se Strand­sze­nen, die es ermög­li­chen, »Men­schen am Strand«, wie der halb unbe­hol­fe­ne, halb bekennt­nis­haf­te Titel des gro­ßen Wand­bil­des für den Palast der Repu­blik lau­tet. Es geht aber auch vor den Häu­ser­ku­ben der Groß­stadt mit rau­chen­den Essen aus dem Reper­toire der Holz­schnit­te Frans Masere­els. Obwohl es, wie man sieht, auch im Schwarz­weiß geht, erweist sich doch die Far­be als das frucht­bars­te Medi­um. Hier sieht man zwei Zeich­nun­gen von 1979, die an die tan­zen­den Farbli­ni­en, den bun­ten Par­al­lel­strei­fen und Ara­bes­ken der Tem­pe­ra­bil­der aus den Sech­zi­gern anschlie­ßen, nur ist hier alles viel locke­rer, impro­vi­sier­ter, bei­läu­fi­ger. Freie far­bi­ge Kon­tur­li­ni­en bezeich­nen die Kör­per und ihr Nach­hall sind far­bi­ge Rand­be­gren­zun­gen.

Was aber sol­che Blät­ter ent­schie­den von den Gou­achen trennt, ist, was ich eben ihre Bei­läu­fig­keit genannt habe – Pro­zeß­haf­tig­keit, wenn man es spit­zer aus­drü­cken will. Nicht als jeweils geschlos­se­ne, auto­no­me »Wer­ke« tre­ten die­se Arbei­ten der zwei­ten Schaf­fens­hälf­te auf, viel­mehr wie Treib­gut in einem gro­ßen Strom, wie ein end­lo­ses Erpro­ben, jede Vari­an­te offen genug, um die nächs­te her­bei­zu­ru­fen, jedes Motiv viel­deu­tig genug, die Phan­ta­sie jen­seits aller kon­kre­ten Vor­gän­ge zu ent­zün­den. Es kön­nen nack­te Figu­ren und Grup­pen sein, eben­so kön­nen es Köp­fe sein – los­ge­lös­te Köp­fe ohne einen vor­stell­ba­ren Kör­per wie die­se bei­den: einer in las­ten­der Mate­ri­al­tät vor Hügeln, der ande­re schwe­bend: erschei­nend oder sich viel­leicht auch auf­lö­send – wir wis­sen es nicht. In der Unru­he sol­cher Bil­der gewit­tert das fer­ne Dra­ma.

Was ist aber von Hans Vents Erklä­rung aus spä­ten Tagen zu hal­ten: »Land­schaf­ten kann ich nicht, ich habe eine male­ri­sche Form dafür nicht gefun­den […] das heißt, ich weiß nicht, wie ich das machen soll«? Tat­säch­lich, von der »Land­schaft« im erwar­te­ten Sin­ne, als Gegen­stand hat er sich früh ver­ab­schie­det, was blieb war Land­schaftlich­keit, war die homöo­pa­thisch ent­stoff­lich­te, aber umso inten­si­ver nach­wir­ken­de Erfah­rung eines Ereig­nis­rau­mes, in dem Stoff, Form, Sinn zu Einem wer­den.

Claude Keisch, September 2020